Top/Bottom, Dom/Sub, Aktiv/Passiv (Teil 2) - die Gay-Perspektive
Aktualisiert: 31. Aug.
Typische Begriffe, die wir regelmäßig (falsch) verwenden erklärt, analysiert und reflektiert.
Wenn man alles über einen Kamm schert und zu viele Begriffe hat, dann kann man Dinge neu verstehen lernen. Was die schwule Szene über Rollen weiß, das der Rest der Kink-Welt gebrauchen könnte.
Viele der BDSM-Begriffe, die wir heute verwenden, stammen aus der schwulen Lederbewegung aus Amerika. Von dort sind die Begriffe in die Hetero-Welt übertragen worden und haben mittlerweile einen relativ weit verbreiteten Standard ergeben, welchen ich in einem vorherigen Artikel dargestellt habe.
Es gibt aber auch einen anderen Pfad, den die Begriffe genommen haben: in der schwulen Fetischwelt von Amerika nach Europa und hier auch ganz konkret nach Deutschland. Eine Besonderheit ist hierbei gravierend und fällt jedem direkt auf. Es geht weniger um Top und Bottom, sondern vielmehr um Aktiv und Passiv.
Und es ist alles noch viel komplizierter … die „schwule Wirklichkeit“ und was jedermensch hiervon lernen kann.
Wie sich dieses Begriffspaar genau darstellt, wie es verwendet wird, wo es mit den anderen Überschneidungen und Unterschiede hat, das gucken wir uns hier genauer an. Und wir schauen auch, was jeder kinky Mensch – egal ob hetero, homo oder irgendwie anders orientiert – davon lernen kann.
Das Penetrationsproblem
In der Hetero-Welt besteht die Problematik eher selten; in der schwulen Welt ist es ein zentrales Thema: Wer dringt in wen ein?
Die vereinfachte Standarddefinition ist: Aktiv ist, wer den Penis einführt. Passiv, wer ihn aufnimmt.
Diese zentrale Logik wurde auch auf andere Praktiken übertragen. Wer jemanden fingert, ist aktiv. Wer jemanden die Rosette leckt, um ihn zu rimmen, ist aktiv. Wer die Hand um den Penis eines anderen legt, um ihn zu wichsen, ist aktiv. Wer seine Lippen um den Penis eines anderen legt, um ihn zu blasen, ist aktiv… - Außer der Mensch um dessen Penis es geht fickt den Blasenden in den Mund; dann wäre es ein Maulfick. Der vorher den Blowjob-Gebende würde zum Maulfick-Empfangenden werden und somit nicht mehr aktiv, sondern passiv sein.
Wenn man sich die Aktiv-Passiv-Logik anschaut, so geht es hierbei darum, wer etwas aktiv tut. Es geht also stärker um eine Handlung als um das klassische Einführen selbst. Es kommt einem sehr wie die Top-Bottom-Logik vor, welche wir im vorhergehenden Artikel kennengelernt haben.
Einschub:
Die Erklärung dafür ist keine Ausnahme, sondern eine erweiterte Vorstellung von Penetration. Im schwulen Sprachgebrauch bedeutet Penetration nicht zwingend das Eindringen in eine Körperöffnung, sondern das Durchdringen einer gedachten Oberfläche. Ähnlich einer Massage, bei der die Hand in Gewebe eindringt, ohne die Haut zu verletzen. Nach dieser Lesart penetriert der Mund den Penis genauso, wie der Penis das Rektum penetriert. Wer den Blowjob gibt, penetriert aktiv. Wer den Maulfick ausführt, ebenso.
Somit ergibt es Sinn, unter aktiv nicht mehr nur die reine Penetration zu verstehen, sondern das aktive Handeln an sich. Eine Person kann penetrieren, ohne dabei etwas einzuführen und vice versa.
In der Wissenschaft verwenden Moskowitz, Rieger und Roloff (2008) in Sexual and Relationship Therapy durchgängig “insertiv” (also die einführende Person) und “rezeptiv” (also die aufnehmende Person).
Für den weiteren Verlauf ist das Einführen nicht von Bedeutung, außer dass wir festhalten sollten, dass eine Person, die einen Penis hat, nicht zwangsweise dominant, aktiv oder top sein muss. Gleiches gilt natürlich auch umgekehrt.
Das Model der Gay-Logik
Es gibt (wenn wir die insertive und rezeptive Ebene weglassen) drei wichtige Dimensionen:
Handlung (aktiv/passiv): Wer führt die Handlung aus?
Entscheidung (dom/sub): Wer bestimmt über die Handlung?
Rolle (Top/Bottom): Wer wird als übergeordnet wahrgenommen?

Im Detail:
Handlungsebene: Wer tut etwas und wer erfährt eine Handlung? Wer die Peitsche schwingt, ist aktiv; wer die Schläge nimmt, passiv. Der Rigger ist aktiv, das Model passiv. Physisch beobachtbar und auch für Außenstehende direkt erkennbar.
Entscheidungsebene: Wer bestimmt, was geschieht? Diese Ebene entsteht durch Machtübertragung: Die submissive Person gibt Entscheidungsgewalt ab. Meistens passiert dies innerhalb eines definierten Rahmens und somit entscheidet das Framing, wer eigentlich dominant ist. Wer was festgelegt hat und wer sich nach wem richtet, ist schwer nachvollziehbar, wenn man es nicht hinterfragt.
Rollenebene: Wer wirkt übergeordnet? Diese Ebene wird erzeugt durch extern wahrnehmbare Aspekte wie Körperhaltung, Kleidung, Blickführung, Sprechweise, Positionierung im Raum, Tools, Ausstattung und etliches mehr. Dies ist Inszenierung und Wahrnehmung. Sie hat keinen Wahrheitswert, nur eine Wirkung.
Drei Ebenen, die zusammengehören, aber nicht verbunden sind
Meistens existieren alle drei Ebenen gleichzeitig und sind auf die eine oder andere Weise ausgeprägt. Eine bestimmte Ausprägung in einer Ebene führt aber nicht automatisch dazu, dass eine andere Ebene ebenfalls hier in eine bestimmte Richtung ausgeprägt sein muss, selbst wenn einige dies annehmen. Dies sind aber typische Fehler in der Denkweise.
Da wir hier vor allem die Rollenebene neu einführen, möchte ich diese anhand eines Beispiels mit euch durchgehen.
Ein Beispiel
Eine Person sitzt auf dem Sofa, eine zweite kniet davor und gibt einen Blowjob. Die kniende Person bestimmt das Tempo und die Art selbst.
Variante 1. Beide entspannt, keine Absprachen, kein Gefälle. Kniende Person: aktiv, rezeptiv, D/s-neutral. Sitzende Person: passiv, insertiv, D/s-neutral. Rollenebene: nicht ausgeprägt. Es gibt hier weder Top noch Bottom, nur zwei Menschen und eine Praktik.
Variante 2. Die sitzende Person ist ans Sofa gefesselt. Handlung unverändert, Entscheidungsgewalt unverändert. Verändert hat sich ausschließlich, wer als der oder die Untergebene erscheint. Die kniende Person ist jetzt Top, obwohl sie kniet.
Variante 3. Keine Fesselung. Die sitzende Person lehnt breitbeinig zurück, Glas in der Hand, ignoriert die kniende Person demonstrativ. Sie bestimmt weiterhin nichts. Sie handelt weiterhin nicht. Aber sie ist unübersehbar Top.
Dieselbe Praktik, dieselbe Handlungsverteilung, dieselbe Entscheidungsverteilung. Drei völlig verschiedene Szenen. Der Unterschied liegt ausschließlich auf der Rollenebene und gefühlt ändert sie alles.
Aber was bedeutet das
Die drei Ebenen ergeben drei getrennte Fragen.
Handlungsebene - „Wer handelt?“
Entscheidungsebene - „Wer entscheidet?“
Rollenebene - „Wer erscheint als die Top-Person?“
Drei unterschiedliche Fragen, die alle die gleichen Antwortoptionen haben
„Du"
"Ich"
"Wir beide gemeinsam"
"Wir beide abwechselnd"
"Keiner von uns"
Die meisten Menschen meinen, nur weil die Fragen ähnlich klingen, jeweils mit der gleichen Antwort kommen zu müssen. Das ist aber falsch! Jede Frage kann komplett unterschiedlich beantwortet werden.
Ein weiteres Beispiel:
So kann man festlegen, dass man z.B. in eine Fem-Dom-Setting gehen möchte. Der weiblich gelesene Partnermensch soll im Lead sein und die Szene formal führen. Vielleicht ist dieser Mensch aber noch unsicher in dieser Rolle und wünscht sich daher, dass gemeinschaftlich entschieden wird, was gentan werden soll. Vielleicht ist aber auch die Bottom Rolle unsicher oder man möchte einfach gemeinsam diese Szene gestalten. Die Entscheidungseben wäre somit auf beide verteilt. Und wer Handelt nun? Das darf offen bleiben. Vielleicht hat man sich geeinigt, dass die Fem-Dom-Person den Strap-On nimmt und Partner "rannimmt" oder man hat sich entschieden, dass der Partnermensch als Zofe oder Sissy der Fem-Dom-Person dient oder dass man gemeinsam eine Dritte Person aufsucht, welcher die Sub-Person zur Verfügung gestellt wird. - Keep your ideas dirty ;)
Ihr entscheidet!

Ein Dom kann die aktive Top-Rolle einnehmen und ein Sub kann eine passive Bottom-Rolle einnehmen. Sie müssen es aber nicht.
Wer zwar eigentlich die Entscheidungsgewalt komplett abgeben möchte, aber alles vorbestimmt hat, wollte vielleicht nicht wirklich Sub sein, sondern passiv und dabei die Bottom-Rolle einnehmen, letztendlich aber immer noch bestimmen, was passieren soll.
Wer sich als Master bedienen lässt und keine Entscheidungen treffen möchte, genießt die Rolle der Macht inne zu haben, ohne aber dass er wirkliche Macht ausüben möchte.
Alle Kombinationen sind valide Konzepte.
Die Perspektive zählt
Da die Rollenebene eher eine Art Szene darstellt, die subjektiv wahrgenommen wird, muss bestimmt werden, wessen Wahrnehmung zählt. Es kann die eigene Perspektive sein, die des Partners oder die von einer außenstehenden Person. Vielleicht hat man sich auch eine gemeinsame Perspektive überlegt, die man vorher in einer Art Szene abgesprochen hat. Da die gleiche Szene von verschiedenen Personen jeweils anders bewertet werden kann, ist dies schwer pauschal zu sagen. Es wäre sogar vorstellbar, dass sich beide Menschen in der Top- oder in der Bottom-Rolle sehen, wenn sie eine Szene entsprechend bewerten.
Relativierung und Einordnung
In Wirklichkeit sind auch die Rollen weniger scharf getrennt und sowohl kontextuell als auch situativ sind viele Graubereiche und Übergänge. Es ist kein schwarz weiß, es sind eher Skalen, auf denen man sich bewegt und nicht in jedem Setting muss jede Ebene voll ausgelebt werden.
Diese Einteilung kann uns helfen, das, was wir wollen und suchen, besser zu verstehen und besser zu formulieren. Realistisch unterscheidet aber kaum jemand diese Einteilung, noch sollte man erwarten, dass andere Menschen diese Unterschiede direkt verstehen.
Was jedermensch davon lernen kann
Um es zu vereinfachen sagen wir, dass es drei Zustande gibt: die eine Seite, die andere Seite und neutral/etwas anderes. Drei Ebenen mit je drei Zuständen ergeben rein rechnerisch 27 Kombinationsmöglichkeiten. Häufig verharren wir aber in einigen wenigen, weil wir uns gar nicht klar sind, welche es gibt.

Einige Bezeichnungen sind Sammelbegriffe, wie “Domina” oder “Master”. Da sie inflationär verwendet werden, wird hier alles zugeschrieben, was man selbst darin sehen möchte.
Andere Begriffe könnten dies besser machen, werden aber häufig ebenfalls unscharf verwendet, wie “Gott*in”, welches eigentlich eine komplett passive Rolle beschreibt, die auch selbst nicht entscheidet, sondern lediglich von anderen projiziert wird.
Am besten funktionieren die “negativen Rollen”, wie der Service Top oder der Power Bottom, die durch ihr generelles Missmatch mit Mainstream-Konzepten zwar meist negativ behaftet sind, aber dadurch eben auch trennscharf sind.
Was bist du für ein Typ? Entsprichst du eher klassischen Kombinationen oder wie kombinierst du dich aus den erwähnten Ebenen?
Schreib es gerne in die Kommentare.
Quellen und Einordnung
Viele Definitionen und Begriffe sind hier nicht aus Quellen, sondern beruhen auf der persönlichen Erfahrung und Sozialisierung des Autors. Belastbare deutschsprachige Literatur dazu existiert (meines Wissens) nicht. Die hier dargestellten Lesweisen sind weder statistisch erhoben, noch wissenschaftlich belegbar. Sie sind aber auch keine Meinung, sondern persönliche Erfahrungen in der schwulen Community. Die Faktenlage ist hierbei nicht zwangsweise als klar zu definieren. Der Artikel konzentriert sich auf die hieraus erhobenen Erkenntnisse, welche auch unabhängig des wissenschaftlichen Grundlage für den Leser relevant sein kann.
Verwendete externe Quellen:
Top/Bottom, Encyclopedia.com — https://www.encyclopedia.com/social-sciences/encyclopedias-almanacs-transcripts-and-maps/topbottom
Dear straight people: Stop identifying as tops and bottoms, Out — https://www.out.com/gay-news/straight-people-tops-bottoms
Top, bottom, switch, Wikipedia — https://en.wikipedia.org/wiki/Top,_bottom,_switch
Moskowitz, Rieger & Roloff (2008): Tops, bottoms and versatiles, Sexual and Relationship Therapy 23(3) — https://www.tandfonline.com/doi/abs/10.1080/14681990802027259
Moskowitz & Roloff (2017): Recognition and Construction of Top, Bottom, and Versatile Orientations in Gay/Bisexual Men, Archives of Sexual Behavior 46(1) — https://link.springer.com/article/10.1007/s10508-016-0810-7
Topping and Bottoming: What's in a label?, SexInfo Online (UC Santa Barbara) — https://sexinfoonline.com/topping-and-bottoming-whats-in-a-label/
Passive haben mehr Auswahl, queer.de — https://www.queer.de/detail.php?article_id=7354
Umfrage: Nur jeder zehnte Schwule will einen passiven Partner, queer.de — https://www.queer.de/detail.php?article_id=29312
Aktiv / Passiv, HomoWiki — https://www.homowiki.de/Aktiv_/_Passiv




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